Der Tagesspiegel
vom 20. Mai 2000

Greencard-Regelung

Berliner New Economy-Firmen fordern Nachbesserungen

Regina-C. Henkel

"Politiker haben keine Ahnung, wie die Startup-Szene wirklich tickt", schreibt Loretta Würtenberger, Gründungsmitglied des Internet-Startups webmiles.de, an ihren Kollegen Felix Frohn-Bernau. Der freut sich über E-mails wie diese. In seinem elektronischen Briefkasten mit der Adresse "greencard@dooyoo.de" findet er zur Zeit täglich Post mit ähnlichen Äußerungen. Frohn-Bernau, Vorstandsvorsitzender der Meinungsplattform dooyoo.de, mischt im Vorfeld der Internet World Messe (23. bis 25. Mai, www.internetworld-messe.de) die deutsche Silicon-Gemeinde auf. Rund 50 Mitglieder des informellen "Silicon City Club" hat der streitbare Volljurist angemailt, damit sie ein "Smart-Paper zur Greencard-Aktion" unterschreiben - und so "zur Formierung eines Schulterschlusses" gegen die Green Card-Richtlinie der Bundesregierung beitragen. Diese sieht ein Hochschuldiplom oder alternativ einen Gehaltsnachweis von mindestens 100 000 Mark per anno vor.

Frohn-Bernau, der sich an der Spitze einer "Startup-Lobby" sieht, will vor allem drei Dinge erreichen: Dass Stock-Options in die Bemessungsgrundlage einbezogen werden, die Mindestdauer des Beschäftigungsverhältnisses auf ein Jahr reduziert wird und "die reine Phantasiezahl" von 20 000 Green Cards "flexibel dem tatsächlichen Bedarf in den Unternehmen angepasst werden."

Das Echo ist uneinheitlich. Bei der D-21-Initiative (www.initiatived21.de) und ihrem Vorsitzenden Erwin Staudt fand Frohn-Bernau noch nicht das erwünschte Gehör. Die Bitte, Anfang des Monats "als Vertreter der Internet- / New Economy-Firmen" an einem Strategietreffen zwischen Kanzleramtsminister Hans Martin Bury, Bernhard Jagoda als Präsident der Bundesanstalt der Arbeit und Staudt als D-21-Sprecher zum Thema Green Card teilnehmen zu dürfen, wurde abgeschlagen. Staudt, hauptberuflich Chef der IBM Deutschland GmbH, ließ über seinen Sprecher Thomas Mickeleit als Vorsitzenden des "D21 Communication Board" mitteilen: "Ich bitte um Verständnis, wenn dieses Gespräch nur von gewählten Repräsentanten der Initiative D21 geführt werden kann." Das Segment der Startups sei vertreten und man werde darüber nachdenken, "inwieweit wir Ihre Anregungen in die Gesprächspunkte aufnehmen können".

Für Michael Sandrock, Sprecher der in Berlin angesiedelten Deutschen Telematikgesellschaft (www.telematicspro.de) stellt sich diese vermeintliche Ausgrenzung der New Economy-Firma als "völlig normal und richtig" dar. Der Sprecher eines Zusammenschlusses von 45 TK-Unternehmen vom Drei-Mann-Betrieb bis hin zu Konzernen wie Siemens fragt rhetorisch: "Haben die denn nicht begriffen, dass sich Konflikte und Interessen in einer Demokratie institutionell durchsetzen müssen? Eine Demokratie braucht Interessenvertretungen, die Einzelinteressen bündeln. Wenn informelle Netzwerke diese Institutionen ersetzen würden, dann hätten nur noch die Reichen und die Mächtigen Einfluss".

Frohn-Bernau ficht diese Argumentation nicht an. Der dooyoo-Vorstandsvorsitzende räumt selbst ein, dass "mit vollmundigen Forderungen nichts zu holen" sei. Dafür biete sich jetzt aber die einzigartige Gelegenheit, das Thema IT-Arbeitsmarkt "langfristig positiv zu besetzen". Er vertraue auf Networking und informelle Zusammenarbeit via E-mail. Für die nachindustrielle Wirtschaftswelt sieht er diesen Weg als den richtigen, weil schnellen. Deshalb halten er und seine Vorstandskollegen es auch für richtig und notwendig, Initiativen anderer Internet-Startups zu unterstützen. Beispielsweise den Zusammenschluss "Grundrecht auf Internet", die presserechtlich von den Berliner Internet-Startup-Unternehmern Ron Hillmann (astromo.de), Tim Schierwater (screenarchitects.de), Alex Wolf und Martin Sinner (dealscouts.de), sowie Kilian Lenard (Berlinstartup.de) Jens Thiel (venturepart\ner.de) verantwortet wird. Die Initiative (www.netinitiative.de) argumentiert: "In Berlin haben sich in der letzten Zeit eine ganze Reihe von Internetfirmen angesiedelt, die schon jetzt als Aushängeschild der Berliner Wirtschaft gelten". Jetzt sollen sich Berliner Senat und Wirtschaftsförderung für die Online-User und damit auch für die Berliner Online-Wirtschaft "für einen unbeschränkten Internetzugang einsetzen".

Ständig im Kontakt ist dooyoo-Vorstandsmitglied Frohn-Bernau auch mit den Internet-Erlebnis-Machern von datango.de. Die Erfinder moderierter Web-Sendungen haben ebenfalls ihre Probleme mit der aktuellen Green Card-Lösung. Ihre Antwort: die Marketingaktion "Sind Sie Inder?". Bis zum morgigen Montag zwei Wochen lang plakatieren sie die Innenstadt-Bezirke Berlins großformatig mit dem provozierenden Slogan und dem Hinweis auf die Internet-Adresse "www.datango.de". Mit der Aktion wollen sie neue qualifizierte Mitarbeiter anwerben - auch ohne Universitäts-Diplom. datango-Gründer Alexander Artopé: "Unsere Kampagne ist nicht als politische Aussage gemeint. Wir wollen lediglich auf datango als besonders attraktiven Arbeitgeber für Softwareentwickler aufmerksam machen." Natürlich hat Artopé auch die ganz gewöhnliche Produktwerbung im Sinn. Wer den Slogan "Sind Sie Inder?" körpernah haben will, kann sich in der Strassburger Straße 58 in Prenzlauer Berg ein kostenloses T-shirt abholen - solange der Vorrat reicht.

Immerhin: Es sollen schon "I-Shirt-Träger" bei "Talk im Turm" und bei ntv gesichtet worden sein. Und auch Felix Frohn-Bernau hat schon fleißig Medien-Punkte gesammelt. Doch ein Kommentar in der deutschen Financial Times oder ein auch ein kurzer Absatz im Handelsblatt reichen ihm nicht aus. Viel wichtiger sind ihm die Ergebnisse aus dem Rücklauf seiner E-mail-Aktion. Außer Loretta Würtenberger, seiner promovierten Anwaltskollegin von webmiles.de, haben inzwischen weitere 28 Vorstände von Internet-Startups das "Smart-Paper" gelesen, positiv zur Kenntnis genommen und in ihren Antwort-mails auch Zahlen genannt. Die werden die Kanzleramtsrunde interessieren: Mit aktuell 707 Mitarbeitern wollen die jungen - überwiegend 1998 und 1999 - gegründeten New Economy-Firmen so erfolgreich sein, dass bis Ende des Jahres doppelt so viele Mitarbeiter auf der Gehaltsliste stehen. 201 würden die IT-Unternehmer am liebsten sofort einstellen. Frohn-Bernau jedenfalls ist hoffnungsfroh. Er geht davon aus, dass die aktuelle Green Card-Regelung noch einmal im Sinne der Startup-Unternehmer überarbeitet wird. Für ihn steht fest: "Auf der aktuellen Basis wird kein einziges Startup-Unternehmen sein IT-Mitarbeiter-Problem lösen können."

Obwohl: Für das Unternehmen dooyoo.de sieht er keine Schwierigkeiten. Im September 1999 gegründet, arbeiten heute bereits 50 Mitarbeiter in den Grünberger Höfen in Friedrichshain und 60 weitere in Spanien, Italien, Frankreich und Großbritannien. "Ende 2000", sagt Frohn-Bernau zuversichtlich, "werden es insgesamt 200 sein. Wir kriegen Top-Leute, denn unsere Währung heißt Beteiligung an einem zukunftsreichen Unternehmen." Vor allem am Herzen liegt dem 31-Jährigen nämlich etwas ganz anderes. Er will, dass der Gesetzgeber die Rechtslage "endlich an die tatsächlichen Gegebenheiten anpasst". Juristisch sei "nicht begründbar, was da passiert", sagt Frohn-Bernau nicht nur zur Green Card-Verordnung, sondern auch zum Rabatt-Gesetz oder zum Laden-Schluss-Gesetz. Der aufmüpfige Volljurist: "Mir geht's um die Sache. Wenn es nach dem Gesetz ginge, müssten alle Online-Unternehmen um 20 Uhr den Stecker ziehen. Stellen Sie sich das doch vor."


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